Kommentar
Hohe Holzpreise, schwarze Zahlen
wer zahlt die Zeche ?
Hans-Jürgen Narjes über die Ausschreibungspraxis der Waldbesitzer
Die hohen Holzpreise gehen auf unsere Abhängigkeit von der fossilen Energie zurück, die Forderung nach schwarzen Zahlen ist die Vorgabe der Politik an ihre ausgelagerten Landesforstverwaltungen.
Die Zeche bezahlen die Forstunternehmer !
Preise unter Kostenniveau
Wie mittelstandsfeindlich die Praxis entgegen der Sonntagsreden aussieht, wird durch die Ausschreibungspraxis verschiedener Landesbetriebe deutlich. Das Ergebnis sind Dienstleistungspreise weit unter Kostenniveau in Hessen, Bayern und anderswo. Da kommen Stockpreise z. B. für Kiefernindustrieholz im Fläming (Sachsen-Anhalt) von 18 Euro/Rm zustande, gnädigerweise zahlt einer der Giganten am Markt als Trabant der Holzindustrie dem Ernteunternehmer 9,35 Euro/Rm für Einschlag und Rücken.
In der Ausschreibung einer Gesamtmenge von z. B. 40.000 Einheiten schreibt das Forstamt für den Privatwald VOL-widrig Mindestpreise vor.
Das alles wird als Markt bezeichnet.
Es ist aber Ausbeutung.
Zuschläge erhalten die Großen der Holz verarbeitenden Industrie oder deren Ableger, die Arbeit wird durch Subunternehmer zu Dumpingpreisen von 7 bis 10 Euro ausgeführt. Von der Einhaltung der Zertifizierungskriterien und Sozialstandards ganz zu schweigen.
Fühlten sich die Landesforstverwaltungen früher verantwortlich, wird heute zum Nachteil der Unternehmer Kasse gemacht. Die Ausschreibung hat sich zu einem Werkzeug entwickelt, mit dem die Dienstleistungspreise niedrig gehalten werden können. Soziale, ökonomische und ökologische Ziele werden ignoriert, Sinn und Zweck der VOL wissentlich verletzt.
Seit Jahren und Jahrzehnten stagnieren die Dienstleistungspreise bzw. sie sind real rückläufig, sie bewegen sich auf dem Niveau der 1970er bis 1980er Jahre. Und das alles bei Kostensteigerungen um 50 bis 200 %.
Dass die Forstunternehmer dieser Entwicklung überhaupt standhalten, ist ihrer unternehmerischen Leistung zu verdanken und nicht zuletzt dem berühmten, eng geschnallten Gürtel. Hohe Produktivität, technischer Fortschritt bei den Maschinen, Ausbildung des Personals, Flexibilität waren und sind der Grund, dass bisher die Versorgung der Holzindustrie sicher gestellt werden konnte.
Alles und das muss klar und deutlich gesagt werden auf Kosten und auf Risiko der beteiligten Menschen, der Familien und der Mitarbeiter.
Es findet ein subventionierter Wettbewerb in Höhe von 68 Euro/Rm durch die großen der Holzindustrie statt.
Es ist schon schizophren:
Erst durch die hohe Produktivität und Leistung der Forstunternehmer einhergehend mit der Auslagerung früher regieeigener Arbeiten und dem Stellenabbau bei Beamten und Forstwirten war eine Rechtsformänderung überhaupt möglich. Und der Dank an die Unternehmer ist die Knebelung durch Ausschreibungen.
Nicht genug Rohholz
Es stellt sich jetzt heraus, dass man bei Bewilligung der Fördermittel für die diversen neuen Werke der Holzindustrie die Rohstoffversorgung ungenau und leichtfertig ermittelt hat und eine sichere Versorgung aus heimischer Produktion nicht sicherstellen kann. Die Industrie fragt Holz nach, aber trotz hoher Holzpreise ist die Nachfrage nicht zu decken.
Eine für Deutschland neue Erkenntnis.
Der aktuell hohe Bedarf an Brennholz ist zwar ein begrenzend wirkender Faktor, er ist aber nicht allein verantwortlich.
Die Mobilisierung zusätzlicher Holzmengen, wie erwartet, versprochen, wissenschaftlich (?) errechnet, belegt durch die BWI 2, klappt nicht so einfach oder ist möglicherweise gar nicht umsetzbar. Kleinstprivatwald, unzureichende Organisation eben dieser Kleinwaldbesitzer, die nicht unbedingt Holz verkaufen wollen oder müssen, kennzeichnen die Situation. Hinzu kommenschlecht- oder unbefahrbare Lagen und starke Nutzung bzw. teilweise Übernutzung der leicht befahrbaren Standorte in den mittleren Baumhölzern.
Ergo, es kommen mehrere Momente zusammen:
- Das Oligopol der Holzindustrie bei der Beschaffung des Rohholzes über Selbstwerbung.
- Das unverantwortliches Verhalten ehemaliger Landesforstverwaltungen.
- Das eingeschränkte Holzangebot aus den oben genannten Gründen.
Und wie reagieren die ansässigen Forstunternehmer ?
Leider durch Nachgeben bis zur Selbstaufgabe.
Kann diese Entwicklung im Interesse verantwortlicher, nachhaltig denkender und wirtschaftender Waldbesitzer sein? Kaum, denn auch sie werden bei Andauer dieser Situation zu den Verlierern gehören.
Ein anständiger Holzpreis muss aber allen Beteiligten zugute kommen.
Was ist zu tun ?
Gegensteuern durch:
- vernünftige und sachliche Verhandlungen mit den Verantwortlichen;
- Information der Öffentlichkeit;
- Kartellklagen;
- ständige Beschwerden und Klagen gegen die Ausschreibungspraxis;
- Anfragen an die Landtage;
- Demonstrationen, z. B. durch Blockierung der Innenstädte und Autobahnkreuze mit Maschinen, Tiefladern und Forstschleppern bis die Politik erkennt, dass hier etwas nicht weiter billigend in Kauf genommen werden kann.
Hans-Jürgen Narjes, DFUV
Aus Forst&Techik 11/2006
Verträge einhalten !
Gilt der juristische Grundsatz „Verträge müssen gehalten werden“ auch für die Branche der Forstunternehmer (forstliche Dienstleistung) oder ist er nur eine naive Vorstellung vom Wert und vom Funktionieren des deutschen Rechtsstaates ? Letzteres lässt die Praxis vermuten, in der Forstunternehmer erleben müssen:
Verträge sind nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind.
Selbst banale Verträge werden oftmals nicht eingehalten, weil zum Beispiel der Markt gerade mal dieses oder jenes Sortiment nicht benötigt, in China irgend ein Insekt in deutschen Containern gesichtet wurde, das eine oder andere Industriewerk sich im Einkauf verspekuliert hat, eine Forstverwaltung oder ein Waldbesitzer die Lage falsch eingeschätzt hat, ein Revierleiter in Urlaub geht und dem Vertreter nicht traut, eine Jagd angesagt ist, Witterungsverhältnisse ein Weiterarbeiten ohne Ausgleichsflächen nicht ermöglichen, und so weiter und so fort.
Allein die Tatsache, dass in der Forst- und Holzwirtschaft ein Rechtsgrundsatz so infrage gestellt wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation und auf die handelnden Personen, Unternehmen, Verwaltungen und Institutionen. Immer und in jeder Lage ist der Marktstärkere im Vorteil und scheint sich ohne Konsequenzen alles heraus nehmen zu können. Dies beweisen auch Urteile wenn es schon einmal zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommt. Die meisten enden damit, dass der Schwächere verliert, oder es kommt zum Vergleich. Letzteres ist eine Ausnahmen. In der Regel wagt der Marktschwächere nicht, den starken Vertragspartner zu verklagen. Denn die Folge wäre das Ende der Geschäftsbeziehung.
Auch mündliche Abmachungen sind nach dem BGB Verträge. Dazu gehören aber Partner, bei denen der Grundsatz „Ein Mann, ein Wort“ noch gilt. Und leider sind wir von der Achtung preußischer Tugenden in Deutschland weit, weit entfernt. Hierzulande gelten andere Ideale. Gibt es noch Treu und Glauben ? Verkehrssitte ? Den königlichen Kaufmann, der einstmals den deutschen Holzhandel geprägt hat ? Wir leben in einer Gesellschaft, die im Wirtschaftsleben verlernt hat, Verantwortung zu übernehmen und sich daran zu halten.
Und nun glauben irgendwelche forstliche Technokraten in einigen Restforstverwaltungen, sie können im Rahmen von Ausschreibungen Markt spielen. Selbst in der Erkenntnis, dass der Auftragnehmer die meisten Vorgaben überhaupt nicht einhalten kann, weil zig Gründe dazwischen kommen, die auch der Ausschreibende überhaupt nicht beeinflussen kann, selbst wenn er wollte. Wir leben nun mal nicht in der so heilen, berechenbaren, schönen VOL/A-Welt, in der eine Stunde eine Stunde, ein Hektar ein Hektar, ein Festmeter ein Festmeter und der gute Petrus immer gut gestimmt ist, außerdem die so allmächtige Holzindustrie sich penibel an ihre Verträge hält.
Und wir ? Wir lassen uns alles gefallen ! Schlimm, denn unsere Geschäftspartner Banken, Versicherungen, Fiskus usw. sind nicht so nachsichtig.
Sie berufen sich bei Nichterfüllen auf AGB, Kreditlinien, Versicherungsbedingungen, Zahlungsziele und Zahlungsfristen. Und alle diese Bedingungen und Fristen sind einzuhalten, oder Zwangsmaßnahmen werden eingeleitet, die i. d. R. Erfolg haben und unter Umständen das Ende einläuten. Denn unsere Geschäftspartner sitzen immer am längeren Hebel.
Unsere Auftraggeber spielen mit Zahlungsfristen und Skonto ganz nach Belieben über Wochen und Monate. Betrugstatbestände werden billigend in Kauf genommen.
Das Werkseingangsmaß ist an allem Schuld, oder ?
In diesem Spannungsfeld zu wirtschaften, grenzt an Überlebenskunst ! Und weil dieses Beschriebene den Normalfall in der deutschen Forst- und Holzwirtschaft darstellt, muss sich niemand wundern, dass die Reaktion entsprechend ist. Allein aus Gründen des Überlebens.
So weit sind wir mit der einst so berühmten deutschen Unternehmenskultur gekommen. Aus der sozialen Marktwirtschaft sollte die neue soziale Marktwirtschaft werden.
Politische Schaumschlägerei ?
Warum wird nicht endlich das Harvestermaß als Abrechnungsgrundlage benutzt ?
Mit einem Schlag wäre eine einfache und gläserne Abrechnung / Bezahlung möglich; viele Auseinandersetzungen fänden nicht mehr statt. Nicht nur das teils monatelange Warten auf die Abrechnungsmaße fiehle weg, sondern die jeweiligen Zuordnungen könnte zeitnah erfolgen. Es wäre eine vertrauensbildende Maßnahme.
Das jetzige System beruht auf Misstrauen, Verschleierung und den Verdacht der Übervorteilnahme. Wieviel Holz „verdunstet“ in Deutschland durch Maßdifferenzen und Umrechnung ? Außerdem finanzieren de facto viele kleine, mittelständische Forstunternehmer den großen Holzindustrieunternehmen dadurch zinslose Kredite, deren Konditionen die Industrie bestimmt. Das Werkseingangsmaß mag korrekt und geeicht sein, der Weg der Daten ist durch viele Schnittstellen undurchsichtig und hebelt praktisch viele Verträge völlig aus.
Wir brauchen mehr Vertrauen und Ehrlichkeit.
Hans-Jürgen Narjes, AfL Niedersachsen